Fantastischer April

Um ihren Lesern die Zeit daheim zu versüßen, haben sich sechs Fantasyautorinnen zusammengetan. Gemeinsam schreiben sie eine Geschichte, deren Verlauf von ihren Followern bestimmt wird. Zu jeder neuen Runde dürfen Keywords vorgeschlagen werden. Die mit den meisten Stimmen werden von den Autorinnen in ihren Part der Geschichte eingebaut. Zum Ende jeder Runde könnt ihr die Geschichte hier nachlesen.

 

Teilnehmende Autoren:

Jennifer Alice Jager

Rena Fischer (Planet! (Chosen, Elbendunkel) https://www.renafischer.com/)

Valentina Fast (Carlsen (Royal, Belle et la Magie, Meeresweltensaga) https://www.valentinafast.com/)

Katja Ammon (Planet! (Ein Herz aus Gold und Asche) Thienemann-Esslinger (Darker Things))

Mirjam H. Huberli (Drachenmond Verlag (Rebell, Phoenicrus) https://mirjamhhueberli.com/)

Cristina Haslinger (Impress (Dschinniya - der verwunschene Kuss)

Runde 1

Keywords:
Magie (Valentina Fast)
Polarlicht (Mirjam H. Huberli)
Flammenschwingen (Rena Fischer)
Wolfsrudel (Cristina Haslinger)
Feenflügel (Katja Ammon)
Brautentführung (Jennifer Alice Jager)

Teil 1 ©Valentina Fast

Magie lag in der Luft und erfüllte Delia überraschend mit all ihrer schweren Süße. Sie spürte es an dem feinen Surren, das ihre Härchen aufstellte und an dem bittersüßen Geschmack, der sich auf ihrer Zunge ausbreitete. Ihr Blick glitt durch den Wald, dessen Boden mit frühmorgendlichem Nebel belegt war, der so dicht war wie frisch gefallener Schnee und unter den Strahlen der aufgehenden Sonne glitzerte.
Ihre zuvor schon lautlosen Schritte kamen zum Erliegen, als Delia sich dicht an einen Baumstamm drückte. Magie hatte sie hier nicht erwartet, nicht in den Tiefen der Lusianischen Wälder, in denen sich kaum ein anderes Wesen hineinzuverirren traute. Hier, wo es mit dem Tode enden konnte, wenn man mehr als nur ein Mensch war.
Delia befeuchtete ihre trockenen Lippen und griff nach dem Dolch, der an einem Gürtel um ihrer Hüfte hing und umklammerte fest den Schaft. Einst war er reich verziert gewesen, nun zeugte seine Abnutzung von dem weiten Fall, den sie hinter sich gebracht hatte. Ein Geräusch, kaum lauter als der Herzschlag eines kleinen Tieres, erregte Delias Aufmerksamkeit. Nur, dass es kein Tier war, das nur wenige Meter hinter ihr stand. Sie konnte die andere Person fühlen, wie sie dastand und sie anstarrte. Sie schluckte und umklammerte den Dolch fester. Im besten Fall war es ein Räuber, der darauf hoffte, dass es bei ihr etwas zu holen gab und der nur zufällig auf sie gestoßen war.
»Delia.« Eine Stimme, leise und doch hart, flutete den Wald und all ihre Sinne. Erinnerungen prasselten auf sie ein und sie wollte rennen, fliehen und nie wieder zurücksehen. Stattdessen trat sie um den Baum herum und wappnete sich gegen das Rasen ihres Herzens, als sie dem Mann in die Augen sah, der Schuld daran war, dass sie nie wieder nach Hause zurückkehren konnte.
»Rogan.« Allein seinen Namen auszusprechen ließ den bitteren Geschmack seines Verrats erneut aufleben. Obwohl so viele Wochen vergangen waren, kehrte all ihre Wut mit voller Wucht zurück. Genauso wie der Schmerz. Doch auf Delias Gesicht lag eine undurchdringliche Maske. Er würde nicht sehen, wie weh ihr sein Verrat wirklich getan hat. Sie würde ihm nicht noch mehr von sich schenken, was er zerstören konnte.

Teil 2 ©Mirjam H. Huberli

»Du bist mutiger, als ich gedacht habe.« Rogan trat aus dem Schatten der Bäume und kam auf Delia zu. Seine arrogante, abweisende, gar unberechenbare Ausstrahlung durchdrang ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Eine frische Narbe zeichnete sein Gesicht, die über sein linkes Auge hinwegzog, und ließ die verbannten Erinnerungen noch präsenter werden.

Delia war auf alles gefasst. Ihre Hand umklammerte krampfhaft den Dolch, als sie Äste unter Rogans Schuhen knacksen hörte und den Nebel zur Seite stieben sah, während er die letzte Distanz zwischen ihnen überwand. Instinktiv wich sie einen Schritt zurück. Nie wieder wird sie ihn so nahe an sich heranlassen, wie sie es einst tat. Doch ihr Verhalten verriet ihre Furcht. Und Furcht war das Letzte, was sie ihm zeigen durfte. Er konnte sie riechen, sich daran laben. Darum zwang sie sich vorzutreten, das heftige Pochen ihres Herzens wegzuatmen und mit erhobenem Kinn seinen kühnen Blick zu erwidern. »Mut ist etwas, das Feiglinge niemals haben werden.«

Ihr Konter ließ ihn nicht mal mit der Wimper zucken. »Zacary hat gewettet, dass du spätestens bei Neumond in den Lusianischen Wälder auftauchen wirst.«
»Zacary?« Ihr entwich ein höhnisches Lachen. Dass Rogan ausgerechnet seinen Namen erwähnte … »Dann hat er wohl überlebt?«
»So wie man eben überleben kann, nach einem hinterhältigen Angriff der Feuerfüchse.« Mit dem nächsten Schritt missachtete Rogan jeglichen Anstand von Privatsphäre. Delia spürte seinen Atem, der über ihren Hals wanderte und zuckte kaum merklich zusammen, als sein Finger ihre Haut berührte. Sämtliche Härchen im Nacken stellten sich ihr auf. Sein Finger glitt langsam vom Kinn nach unten zum Hals und ein Schauder rieselte über ihren Rücken. »Lassen wir die Nettigkeiten. Du weißt, warum ich dich gesucht habe?«
»Wegen Aurora.« Delias Antwort war nicht mehr als ein Wispern, denn sein messerscharfer Fingernagel kitzelte gefährlich über ihre Kehle.
»Wo hast du es versteckt?« Rogans tiefes Grollen erfüllte die Atmosphäre, die beim nächsten Atemzug zu explodieren drohte.
Delia schluckte. Niemals würde sie das Geheimnis preisgeben, selbst wenn es sie das Leben kostete. Ihr oberstes Gebot galt dem Schutz der Polarlichter.

Teil 3 ©Rena Fischer

Aurora, Kalesians Königsinsigne, sicherte Delias Familie seit Jahrhunderten die Herrschaft und die Macht über die Polarlichtmagie. Und über ihre Töchter, dachte Delia bitter. Denn mit Aurora konnte der König sie in einen Bund der Ehe zwingen, der ihre Magie ihrem künftigen Ehemann bis zum Tode unterstellte. Der König verkaufte die Prinzessinnen teuer und gewann treue Waffenverbündete. Bis jetzt hatte noch nie eine Prinzessin gegen ihr Schicksal aufbegehrt.
„Eher sterbe ich, bevor ich dir verrate, wo Aurora ist“, flüsterte sie, während Rogans Finger zu der kleinen Kuhle unter ihrer Kehle wanderte. Die bittersüße Erinnerung, wie seine Zunge einst diese Stelle liebkost hatte, blitzte in ihr auf.
„Du kannst Amina nicht vor der Hochzeit bewahren. Notfalls wird die Trauung ohne Aurora vollzogen werden.“
„Du lügst!“, stieß Delia atemlos hervor. Immer noch hielt sie ihren Dolch hinter dem Rücken verborgen. Ihr Blick streifte die frische Narbe in seinem Gesicht. Rogan hätte ihr das Kämpfen nicht beibringen dürfen. „Ohne Aurora ist der Handel nichts wert.“
Selbst mit Aurora nicht. Niemand wusste, dass ihre Zwillingsschwester magielos und Delia doppelt gesegnet war. Alle glaubten, Amina würde das Wasser beherrschen. Mit einer Heirat würde ihr Schwindel ans Licht kommen und Amina als Missgeburt getötet werden.
Seine Hand wanderte in ihr Haar, spielte mit einer Strähne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte. „Zacary trifft bereits Vorkehrungen zur Abreise. Gib mir Aurora und ich bringe dich vor dem Zorn des Königs in Sicherheit.“
„Nach allem glaubst du, ich vertraue dir noch?“
„Du wirst im Kampf nicht gegen mich bestehen. Selbst mit deiner Feuermagie nicht.“
Sie wusste, dass er Recht hatte. Rogan war nicht ohne Grund so jung zum General in der Armee ihres Vaters aufgestiegen. Aber Rogan konnte die Anwesenheit des Feuerwesens nicht spüren, das sich ihnen zwischen den mächtigen Stämmen näherte, lautlos wie ein Nebelstreif. Blitzschnell sprang Delia zur Seite und ein schwarzer Koloss schoss hervor und stellte sich Rogan in den Weg. Feuer und Rauch stoben aus den Nüstern des Pegasus‘, als es seine mächtigen Flammenschwingen ausbreitete und mit den Hufen nach Rogan schlug.

Teil 4 ©Cristina Haslinger

Rogan sprang zurück. Pegasus' Hufe donnerten nur Zentimeter vor ihm auf den Waldboden. Seine Flügel peitschten Delias Feind einen Regen aus Funken und Asche entgegen. Beinahe hätte sie sich dazu hinreißen lassen, dem kühnen Gefühl von Überlegenheit zu erliegen, doch sie wusste, wie gefährlich es war, ihn zu unterschätzen. Sie musste hier weg, sofort.
Delia streckte die Hand nach dem warmen Körper des Hengstes aus. Sein Fell zuckte unter ihrer Berührung, doch sie spürte, dass er ihr wohlgesonnen war. Sie grub die Finger in seine Mähne und landete mit einem beherzten Sprung auf seinem Rücken.
"Du kannst dich nicht verstecken", erinnerte Rogan sie.
Ein bitteres Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Da wäre ich mir nicht so sicher."
Nie hätte sie erwartet, jemals wieder nach Valanis zurückzukehren. Doch dies war der einzige Ort, zu dem jemand wie Rogan keinen Zutritt haben würde. Ob sie auf Elyas Hilfe hoffen durfte?
Rogans Gesicht versteinerte, als er verstand. Er schnellte vor und grub seine Klaue in Delias Wade. Ihr Schrei hallte durch Lusianischen Wälder. Pegasus bäumte sich auf und zwang Rogan damit abermals zu weichen. Der heiße Atem des Hengstes vermischte sich wirbelnd mit dem Dämmerlicht.
Mit Tränen in den Augen trieb Delia Pegasus vorwärts. Ihr Blick flog über die engen Baumreihen. Hier würde sie das Portal nicht öffnen können. Sie musste eine Lichtung erreichen. In Gedanken ging sie das Ritual durch, als hinter ihr lautes Geheul erklang. Ihr stockte der Atem. Panik kroch unter ihre Haut und setzte sich prickelnd in ihrem Nacken fest. Ein Blick zurück bestätigte ihre Befürchtung: Etwas Dunkles kam auf sie zu. Ein Meer aus Zungen, Klauen und Zähnen, angeführt von einem monströsen Schattenwolf.
Delia kannte diese Gestalt wie keine andere. Rogans Fell war so schwarz wie das Gift seiner Adern. Sie krallte sich in Pegasus' Mähne und trieb ihn weiter an. Der Nebel wich seinen flammenden Hufen, doch das Wolfsrudel ließ sich nicht abhängen. Wenn Delia die Lichtung noch lebend erreichen wollte, musste sie die Füchse loslassen, egal wie viel Kraft sie das kosten würde.

Teil 5 ©Katja Ammon

Aber als ob der Pegasus ihre Gedanken erahnt hätte, peitschte er ihren Verfolgern mit dem Schweif einen Feuerball entgegen, stieß sich vom Boden ab und schraubte sich mit einem kräftigen Flügelschlag in die Höhe. Delia drückte ihre Schenkel eng an den Bauch des Hengstes. Das Heulen des Packs schrumpfte zu einem Jaulen und der Sog ihres Aufstiegs wirbelte den Gestank nach verbranntem Fell zu ihr hoch.
Über den Wipfeln brach alles über Delia herein. Hatte Rogan die Wahrheit gesagt? Brauchte es Aurora nicht, um die Trauung zu besiegeln und Aminas Geheimnis zu enthüllen? War alles umsonst gewesen? Aber warum war er ihr dann gefolgt?
Erst als sie auf der Lichtung wieder auf den Boden aufsetzten, wurde Delia von den quälenden Gedanken abgelenkt und ließ sich vom Rücken des Hengstes gleiten. Sanft streichelte sie über seinen Kopf. «Danke.»
«Nimm dich an wie du bist, Delia», erklangen die Worte in ihren Gedanken.
Ihr Herzschlag beschleunigte. Instinktiv rieb sie sich mit der Hand über die Schulter.
«Du beherrschst nicht nur das Wasser und das Feuer, sondern auch die Luft. Akzeptiere das, und du wirst deinen Weg finden.» Der Hengst drehte sich ab und stob davon.
Einen Moment lang starrte Delia dem Funkenregen hinterher. Sich annehmen? Wenn das so einfach wäre. Aber jetzt war nicht die Zeit darüber zu verzweifeln, sie brauchte ein Versteck, um ihre Wunde zu versorgen und darüber nachzudenken, ob sie es sich leisten konnte nach Valanis zu marschieren und Elyas um Hilfe zu bitten. Ausgerechnet ihn, den sie so sehr verletzt hatte. Was ihr gerade noch als letzte Hoffnung erschienen war, erfüllte sie nun mit Zweifel und damit kam der Schmerz im Bein und im Rücken umso härter zurück.
Delia schaute sich um. Hinter ihr ragten ein paar Findlinge in die Höhe. Das musste reichen. Sie kletterte zwischen die Felsbrocken und im Schutz der Schatten, riss sie als erstes die Jacke auf. Unter dem Hemd begann sie den Verband zu lösen, der ihre Feenflügel schmerzhaft an den Körper presste. Wie konnte sie sich jemals annehmen? Mit diesen Dingern, die seit kurzem durch die Haut brachen! Sie stieß den Atem aus und wollte sich hinsetzen, als sich eine Hand von hinten auf ihren Mund legte.

Teil 6 ©Jennifer Alice Jager

„Pssst!“, säuselte ihr eine Männerstimme ins Ohr.
Es musste Rogen sein! Panik kam in ihr auf, sie wehrte sich aus Leibeskräften, stockte aber, als das Gesicht ihrer Schwester vor ihr auftauchte.
„Ganz ruhig“, bat Amina.
Delia nickte und der Fremde ließ von ihr ab. Sofort wirbelte sie zu ihm herum.
„Schön, dich wiederzusehen“, grüßte Zacary sie.
Delias Inneres verkrampfte sich. Wie konnte das sein? Wieso machte er, der ihre Schwester gekauft hatte wie Vieh, gemeinsame Sache mit ihr? Wenn er erfahren würde, dass Amina keine Magie beherrschte, wäre das ihr Tod. „Was geht hier vor sich, Amina? Du kannst doch nicht … Wenn er wüsste …“
„Er weiß es“, sagte Amina.
Delias Atmen stockte. Ausgerechnet ihm hatte sie ihr größtes Geheimnis anvertraut?
„Ich bin nicht das Monster, für das du mich hältst“, behauptete Zacary.
„Du hast meine Schwester gekauft!“, fuhr sie ihn an.
„Nur durch das Versprechen einer Hochzeit konnte ich mir Zutritt an den Hof verschaffen.“ Ein vielsagendes Lächeln huschte ihm über die Lippen. „Und dank deiner Ablenkung, habe ich die wohl spektakulärste Brautentführung durchgezogen, die euer Königreich je gesehen hat. Aber genug davon. Du musst uns das Tor nach Valanis öffnen.“
„Nein“, stieß Delia aus. Amina mochte ihm vertrauen, aber sie war auch noch jung und ahnte nicht, wie verlogen Männer sein konnten.
„Sie glaubt dir nicht.“ Amina schaute Zacary auffordern an. „Du musst es ihr zeigen.“
Erst zögerte er, nickte dann aber und wandte sich Delia zu. Er schloss die Augen und nahm mit einem tiefen Atemzug die Magie der Lusianischen Wälder in sich auf. Delia konnte den Sog spüren, den er dabei verursachte. Er zerrte auch an ihr, an ihrem Geist und der Macht der Elemente, die tief in ihr ruhte.
Als er die Augen wieder aufschlug und sie direkt anschaute, hielten sein Blick sie für einen Moment gefangen. Erst als es ihr gelang, sich davon zu lösen, bemerkt sie die Feenflügeln, die sich in seinem Rücken aufgefächert hatten. Silbern funkelten sie im Mondlicht, wirkten gläsern, fast wie eine Illusion, und waren doch getränkt von reinster Magie. Ungläubig starrte Delia ihn an. Zacary war wie sie.
„Komm!“, forderte er sie auf und streckte ihr die Hand entgegen.

Runde 2

Keywords:

Mondschein (Valentina Fast)

Schneesturm (Mirjam H. Huberli)

Funkenregen (Rena Fischer)

Dämonenherz (Cristina Haslinger)

Mondstein (Katja Ammon)

Zeitreise (Jennifer Alice Jager)

Teil 7 ©Valentina Fast

Delia zögerte, starrte Zachary an, dessen Feenflügel im Mondschein schimmerten. Seine Hand schwebte zwischen ihnen, fordernd, wartend, doch sie würde nicht danach greifen. »Für dieses Geheimnis wirst du von deinem Vater gehängt.« Delias kniff ihre Augen zusammen. »Du weißt, er würde es bald herausfinden und spätestens dann hättest du fliehen müssen. Der König von Lusian würde keinen Fey als Thronfolger dulden. Wozu dann diese Heirat? Wozu die Entführung?« Delias Stimme wurde schneidend, so drohend, dass selbst der Pegasus angriffslustig mit den Hufen scharrte. 
Zachary warf dem Tier einen Seitenblick zu und seine Lippen wurden zu einer harten Linie.
Amina war es, die die schwere Stille leise durchschnitt. »Weil er mich liebt. Er hätte mich nicht heiraten können, wenn seine Wandlung ans Licht gekommen wäre.«
»Aber ihr kennt euch kaum mehr als wenige Wochen«, erwiderte Delia an ihre Schwester gerichtet. 
Aminas Züge wurden weich und sie griff nach Zacharys Hand und trat an seine Seite. »Es brauchte kaum mehr als einen Tag um zu wissen, dass diese Ehe richtig sein würde.«
»Aber wieso hast du nichts gesagt?« Schmerz lag in Delias Stimme, denn einst hatten sie jedes Geheimnis geteilt. »Zu unser aller Sicherheit«, antwortete nun Zachary. »Ehen unserer Welt sind nichts anderes als Bündnisse.« Er schnaubte. »Doch nun bin ich scheinbar ein Magiewesen, in den Augen meines Vaters nur halb so viel wert wie ein Elementar.«
Delia nickte und biss die Zähne zusammen, als das Brennen der Wunde weiter zunahm. 
Amina keuchte, als sie ihre blutende Wade entdeckte. »Wer hat dir das angetan?«
»Rogan in seiner Wandlergestalt.«
»Das Gift aus den Klauen eines Schattenwolfes ist tödlich.« Besorgnis lag in Zacharys Augen. »In Valanis wird man dich heilen können.«
Plötzlich durchzuckte Wolfsgeheul die Nacht und der Pegasus schnaufte nervös.
»Und was wollt ihr in Valanis?«, fragte Delia noch immer argwöhnisch Zachary gegenüber. »Herausfinden warum ich offensichtlich ein halber Fey bin«, antwortete Zachary ernsthaft betroffen.
Delia nickte nun und ließ sich von ihm aufhelfen. Mit ihrem Dolch schnitt sie in ihre Hand, ballte sie zur Faust und Blut tropfte zu Boden. »Dann auf nach Valanis.«

Teil 8 ©Mirjam H. Huberli

»Auf nach Valanis«, wiederholte Zacary Delias Ausruf. Ein gehetzter Ton schwang in seiner Stimme mit, doch in seinen Augen tanzte ein Funke, den sie nicht deuten konnte - dafür blieb keine Zeit.
Das Wolfsgeheul klang gefährlich laut. Gefährlich nah. Delias Blick zuckte nervös über die Schulter. Jetzt zählte jede Sekunde, ebenso jeder Meter, der zwischen ihnen und dem Rudel lag. Sobald sie das Portal nach Valanis öffnete, wurde alles, was sich in unmittelbare Nähe befand, vom Sog erfasst und auf die andere Seite befördert.
»Worauf wartest du?« Aminas Stimme hatte diese unerklärliche Wirkung auf Delia. Obwohl ihre Schwester mit keiner Fähigkeit gesegnet war, so herrschte diese besondere Verbindung zwischen ihnen, wie sie nur zwischen Zwillingen bestand: Zwillingsmagie. Aminas Worte lösten ein Verlangen in Delia aus, dem sie nicht widerstehen konnte. Amina beschützen.
»Haltet euch an mir fest«, sagte Delia harsch, sodass es einem Befehl gleichkam. Sie wusste, was zu tun war. Alsbald würde hier ein Wirbel aufkommen.
Kaum jemand konnte das Portal öffnen, doch sie trug den Schlüssel in sich. Ihr Blut vereinte fast alle Elemente, einzig die Erde fehlte, aber das würde sie ändern.
Ohne ein weiteres Wort rammte sie die blutgetränkte Dolchspitze in den Boden, gleichzeitig flackerte das Wissen an das Geheimnis in ihr auf, dass Elyas ihr anvertraute. Leise, so leise wie der Flügelschlag eines Feys, wisperte sie den Vers, der das Portal aktivierte:
»Wo Sonne, Mond und Sterne am Firmament erstrahlen,
und Wassertropfen sich spielerisch einen Weg bahnen,
wo zarter Himmel die Erde berührt,
und alles zu einem Einklang führt,
dort verbirgt sich der Eingang ins unberührte Reich.
mit Namen Valanis, ein Geheimnis, das kaum einer weiß.«
Innerhalb eines Herzschlags verschwamm alles um sie herum. Es war, als badeten sie in einem glitzernden Strudel, der sie herumwirbelte. Der Sog nahm zu. Wurde stärker und stärker - zu stark! Die Luft wurde frostig. Und plötzlich erfasste sie ein unbändiger Schneesturm und schien sie mit Haut und Haaren zu verschlingen. Drohte sie mit dem nächsten Atemzug in tausend Stücke zu zerfetzen.
Himmel! Irgendwas lief hier schief. Gewaltig schief...

Teil 9 ©Rena Fischer

Das erste, was Delia fühlte, als sie wieder zu Bewusstsein kam, war wohlige Wärme und dass ihr Bein nicht mehr schmerzte. Der Sprung nach Valanis musste ihr trotz des Schneesturms geglückt sein und Elya hatte ihre Wunde versorgt.
„Ausgeschlafen?“
Mit einem spitzen Schrei riss sie die Augen auf. Die Wärme wich einem eiskalten Schauder, als sie Rogan über sich sah. Eine Strähne seines nachtschwarzen Haars fiel ihm in die bernsteinfarbenen Wolfsaugen, die sie amüsiert musterten.
„Wo bin ich?“, keuchte sie. In Valanis jedenfalls nicht, denn kein Schattenwolf konnte Elyas Reich betreten.
„In meiner Heimat.“
„Unmöglich!“ Die Eissteppen von Nurok lagen tausende von Meilen von den Lusianischen Wäldern entfernt. „Wie...?“ Und da begriff sie. „Du hast dich meiner Portalmagie bedient! Daher der Schneesturm!“
„Du kennst nicht alle Geheimnisse meiner Schattenwolfmagie.“ Er deutete auf ihr Bein. „Was glaubst du, warum den meinen nie eine Beute entgeht? Mein Gift in deinem Blut ist stärker als ein Magnet und erlaubt mir, deine Magie zu nutzen.“ Er lächelte. „Noch anziehender, als du ohnehin für mich bist.“
Delia schnaubte wütend und wollte aufstehen. Da erst spürte sie die Fesseln. Magiehemmendes nurokisches Metall.
„Verräter!“ Ihr Herz raste. „Lieferst du uns jetzt meinem Vater zum Tode aus?“
„Nein.“
Sie starrte ihn an. „Zacary und ich haben schon vor einem Jahr einen Handel geschlossen, als ich sein dunkles Geheimnis aufdeckte. Sein Vater würde ihn als Halbfey töten. Dein Vater hat den stolzen Schattenwolf, der mein Vater einst war, versklavt und ihn zu einem unterwürfigen, winselnden Hund gemacht, den er entsorgte, als er ihn nicht mehr brauchte. All die Jahre habe ich geschwiegen, an meinem Plan gefeilt und dich für den Kampf ausgebildet. Die Zeit meiner Rache ist jetzt da. Und wenn du uns nicht dazwischengefunkt hättest, wäre längst der Pakt besiegelt worden, der uns stark genug für den Feldzug gegen beide Königreiche gemacht hätte.“
„Rebellion?“, flüsterte Delia fassungslos. „Darum geht es hier? Von welchem Pakt sprichst du?“
Er zog etwas aus seiner Hosentasche. Ein Funkenregen ergoss sich von Aurora über seine Hand. „Zacarys und meine Doppelhochzeit, liebste Braut.“

Teil 10 ©Cristina Haslinger

Erschrocken fasste Delia an ihren Gürtel, doch sie griff ins Leere. "Clever von dir, das Wappen zu entfernen. Ich hätte ihn ohne die Smaragde fast nicht erkannt."
Delia war stumm vor Schock. Den Dolch in Rogans Händen zu sehen, ausgerechnet seinen, ließ ihr Blut zu Eis gefrieren. Aurora war heilig, niemand außerhalb der Blutlinie durfte sie berühren, das wusste er genau. Sein anzügliches Grinsen machte alles nur noch schlimmer. "Wie kannst du es wagen!" Ihre Stimme überschlug sich. "Meine Ahnin hat sich nicht geopfert, damit du ihr Erbe mit deinen dämonischen Klauen besudelst!"
Rogans Blick wurde hart. "Aber sie hat ihre Seele sicher auch nicht dafür hergegeben, damit ihre Töchter wie Vieh gehandelt werden." Er packte den Dolch an seiner Klinge und hielt ihn Delia entgegen. Das Metall leuchtete auf, Funken segelten wie in Zeitlupe zwischen ihnen auf das Laken. "Wenn das deine Zukunft sein soll, nimm ihn, stoße ihn in mein Dämonenherz und verstecke dich weiter vor deinem Vater. Aber Amina kannst du so nicht retten." Instinktiv packte Delia den Griff des Dolches. Rogan war nur Zentimeter vor ihr. Sie konnte seine Aura spüren, die Wärme seines Körpers und den ruhigen Schlag seines Herzens. Hier und jetzt könnte sie es beenden, sich von ihm befreien, ein für alle Mal. Doch etwas ließ sie zögern. Rogan lüpfte eine Augenbraue, ein wissendes Lächeln zog an seinen Mundwinkeln und trieb Delia die Zornesröte ins Gesicht. "Du hättest dich hinknien sollen", sagte Zacary tadelnd. Er erschien mit Aminas zarter Silhouette im Türrahmen. Delias Herz flatterte. Sie wich zurück und auch Rogan beeilte sich, aufzustehen.
"Ich halte sie nicht so gern auf Höhe meiner Kehle", spöttelte er, doch dann wandte er sich mit ernster Miene an Amina. "Vielleicht kannst du sie zur Vernunft bringen."
Amina nickte. Während die Männer den Raum verließen, trat sie zu Delia heran.
"Wie hast du den Dolch ohne Vaters Ring aus der Felswand bekommen?", fragte sie. Ihr Blick schweifte über die Ketten, die ihre Schwester festhielten.
Delias Unterlippe zitterte. "Ich werde ihn nicht heiraten."
"Es gab Zeiten, in denen du anders gedacht hast", erwiderte Amina ruhig.
"Damals wusste ich nicht ..."

Teil 11 ©Katja Ammon

... dass ich unter der Magie des Mondsteines stand, den er mir geschenkt hatte. Elya hatte mich gewarnt, aber ich habe ihm nicht geglaubt. Doch dann wuchsen mir diese Flügel, die Fey in mir erwachte und der Stein verlor seine Wirkung auf mich.» Delia griff nach Aminas Hand. «Rogan hat mich verraten und gejagt und nun sitze ich hier gefesselt vor dir. Siehst du nicht, dass hier ein falsches Spiel gespielt wird?»
«Es sind gute Männer, Delia. Rogan wollte dich nur vor Vaters Heiratswillkür beschützen, deshalb hat er dich verraten. Er wollte, dass du fliehst und Aurora mitnimmst.»
«Er hat mich im Wald angegriffen und verletzt, Amina. Wenn er es gut meinen würde, hätte er doch einfach mit mir reden können. Die zwei planen diese Hochzeit schon seit einem Jahr. Alles was Rogan will ist Rache. Das habe ich nun begriffen. Nach diesem Feldzug wird es nicht zwei Königreiche geben, Amina, sondern eines, das von Rogan, der dann durch mich die Magie eines vollkommenen Elementar besitzt, denn das bin ich. Du hast mich gefragt, wie ich den Dolch – Aurora – aus dem Stein bekommen habe? Es ging ganz einfach, weil ich offensichtlich auch dieses Element beherrsche. Rogan wusste das. Er riecht die Magie. Zwangsheirat ist Zwangsheirat, egal wer sie durchführt.»
Amina schüttelte den Kopf.
«Wach auf, verdammt nochmal!», zischte Delia und drückte Aminas Hand so fest, dass sie zurückschreckte. Eine silberne Kette glitt dabei unter ihrer Bluse hervor, an der ein grauer Stein hing – ein Mondstein!
Delia hechtete vor, riss ihr die Kette vom Hals und warf sie in eine Ecke. Ihre Schwester sprang auf, nur um sich gleich wieder zu setzen. Sie griff sich an den Kopf, blinzelte. Ihr Atem ging schnell und flach. «Wo …»
«Keine Zeit für Erklärungen, mach mich los! Schnell.»
«Was, wie …»
Delia streckte ihr die Hände entgegen. «Schnell!»
Amina gehorchte, während vor der Tür Schritte näherkamen. Delia spreizte die Hand, um die alte Wunde wieder aufzureißen. «Wir müssen weg hier», sagte sie, packte Amina an der Hand, murmelte den Spruch und ließ das Blut auf den Boden tropfen. Ein Wirbel erfasste sie, als Rogan den Raum betrat.
«Du willst spielen Rogan?», rief Delia, «dann schau mal wie dir das gefällt!»

Teil 12 ©Jennifer Alice Jager

Der Sog der Macht wirbelte auf und ließ die Welt um Delia herum verblassen.
„Na warte!“, knurrte Rogan, richtete seine gespreizten Finger auf sie und seine Magie traf Delia mit voller Wucht. Nur mit Mühe gelang es ihr auf den Beinen zu bleiben und während sie sich nich sammelte, wandte sich Rogan Amina zu.
„Nein!“, schrie Delia, doch schon fasste sich ihre Schwester an den Hals und schnappte nach Luft.
„Was geht hier vor?“ Zacary war in die Tür getreten. „Lass von Amina ab!“
Doch Rogan tat das genaue Gegenteil. Er krümmte seine Finger, als würde er Aminas Kehle zerquetschen wollen und ihr Atem stockte. „Gib auf oder Amina ist tot!“, zischte er.
„Aufhören!“ Zacary packte Rogans Arm, wurde von ihm aber weggestoßen und stürzte neben dem Mondstein zu Boden. Er starrte das Schmuckstück fassungslos an, dann entfalteten sich plötzlich seine Feenflügel. „Du wirst sie mir nicht nehmen!“, sagte er und richtete seine Hand ebenfalls auf die Schwestern.
Delia musste schnell handeln. Sie sammelte ihre Kräfte, vereinte alle Elemente darin und ließ sie zu einem Teil der Magiewirbel werden. Was um sie herum geschah, versank in einem Meer aus Farben, aus Fetzen von Feuer, Erde, Luft und Wasser, verbunden zu einem einzigen Strom reiner Magie. Neben ihr nahm Amina einen tiefen Atemzug. Dort, wo sie jetzt waren, hatte Rogan keine Macht mehr über sie. Um sie herum nahm eine neue Welt Gestalt an. Valanis, mit all seiner farbenprächtigen Schönheit. Doch noch bevor Amina das Gras unter ihren Füßen spüren konnte, veränderten sich die Wirbel der Magie. Aus den vereinten Elementen wurde ein Purpurnebel, Valanis rückte wieder in die Ferne und plötzlich stand sie auf kaltem Kopfsteinpflaster. Es herrschte hektisches Treiben, Stimmen prasselten auf sie ein, Menschen liefen kreuz und quer an ihnen vorbei.
„Wo…?“, fragte Amina.
„Zuhause…“ Der Zauber hatte sie ans Schloss ihres Vaters gebracht. Sie waren mitten auf dem Markplatz gelandet. Aber nicht nur der Ort war der Falsche. In dem Moment ertönten Fanfaren, das Haupttor wurde geöffnet und Zacary traf mit seinem Gefolge ein.
Er hatte sie in die Vergangenheit geschickt. Aber was wollte er ihr zeigen? Wozu diese Zeitreise?

Runde 3

Keywords:

Sternenzelt (Valentina Fast)

Schatten (Mirjam H. Huberli)

Nebelkrähe (Rena Fischer)

Nebelschwaden (Cristina Haslinger)

Phönixfeder (Katja Ammon)

Mondfinsternis (Jennifer Alice Jager)

Teil 13 ©Valentina Fast

Delia und Amina beeilten sich hinter die nächste Ecke, wo sie sich vor den jubelnden Massen versteckten, die Zacarys Eintreffen feierten. Sie brauchten einen Moment um sich daran zu erinnern, wo sie an diesem Abend damals gewesen waren. 
Delias Blick huschte nach links zu dem Haupteingang des Palastes, vor dem Zacary und sein Fahnenwehendes Gefolge gerade hielten und sich vor ihrem Vater verneigten. Schräg hinter ihm standen sie und Amina, gekleidet in feinste Seide und lächelnd. 
Delias Blick wanderte zu Rogan und ihr Herz hüpfte, als sie sah, wie er ihr Vergangenheits-Ich ansah, voller Zuneigung und Wärme. Diesen Blick hatte sie seit einer Ewigkeit nicht mehr an ihm gesehen. Nicht mehr, seit ihr klar geworden war, dass er ihr den Mondstein umgelegt und damit ihre Gefühle manipuliert hatte. 
Als alle außer den Bürgerlichen im Palast zum Feiern verschwanden, schlichen Delia und Amina sich über einen Dienstboteneingang in den Palast. 
Glücklicherweise war der große Saal über mehrere Emporen einzusehen, sodass sie sich unbemerkt verstecken und Rogan beobachten konnten.
Er musste sie aus einem bestimmten Grund gerade hierher geschickt haben und vermutlich würden sie ihn herausfinden, wenn sie nur an ihm dran blieben.
Es dauerte tatsächlich nicht lang, bis er sich von der Feier absetzte. 
Sie folgten ihm durch die dunklen Gänge, bis zu einem der großen Balkone, dessen Türen er aufzog, worauf sogleich eiskalte Luft durch den Gang fegte. 
Sie drückten sich in die Schatten und beobachteten, wie er auf eine, in einen dunklen Mantel gehüllte, Person zuging. »Habt Ihr es?«
»Wie gewünscht. Aber ist sie Euch den Preis wirklich wert?«, fragte die Fremde.
Unter dem Sternenzelt glitzerten Rogans Augen vergnügt. »Delia ist alles wert.«
Amina drückte Delias Hand.
»Nun denn«, sagte die Fremde, hob ihren Arm und im nächsten Moment krümmte Rogan sich unter Schmerzen. »Dann nehme ich dankend einen Teil Eurer Kräfte.«
Nach wenigen Augenblicken verschwand die Fremde lautlos und zurück blieb Rogan, der sich zitternd aufrichtete und lächelnd auf etwas in seiner Hand hinunter blickte. 
Mondlicht erhellte seine Handfläche und mit plötzlichem Herzrasen schnappte Delia nach Luft.

Teil 14 ©Mirjam H. Huberli

»Himmel, ist es das, was ich denke?« Delias Worte waren nicht mehr als ein Flüstern. Der pechschwarze Stein in Rogans Hand funkelte und ließ ihr Herz schwer wie Blei werden. Was hatte er getan? Ihre Frage vermischte sich mit Panik und Verzweiflung: Hatte er sie deswegen in die Vergangenheit geschickt, exakt an diesen Tag der Mittsommernachtswende? Zu keinem anderen Tag pulsierte die Magie stärker durch die Adern. Nicht nur die weiße, ebenso die schwarze Magie - wie jene der Düsterhexe, mit welcher er diesen Schwur schloss. Womöglich gar ein Wolfsblutpakt?
Delia wollte zu Rogan stürmen, als Amina sie zurückhielt. »Wenn wir in die Vergangenheit geschickt wurde, um die Zukunft zu ändern«, begann sie, »dann will ich Zac im Auge behalten.«
Aminas Stimme klang zaghaft und doch spürte Delia aus jedem ihrer Worte, wie sehr das Herz ihrer Schwester an dem Halbblutfey hing. Liebte sie ihn am Ende aufrichtig? Doch die Zeit drängte …
»Zuerst Rogan, dann schauen wir gemeinsam nach Zac, einverstanden?«
Zwar nickte Amina, aber Delia konnte ihr ansehen, dass es ihr widerstrebte.
Delia plagte jedoch ein weit schlimmerer Gedanke. »Ich hoffe inständig, dass Rogan uns nicht in die Vergangenheit geschickt hat, um eben diesen Pakt zu verhindern.« Sie sprach das Schlimmste nicht aus: Falls doch, wären sie zu spät gekommen.
»Ich habe ein seltsames Gefühl im Bauch.« Aminas Stimme durchdrang die Nacht, so leise wie die Schatten, die zwischen dem Gemäuer lauerten. »Möglicherweise war es nicht Rogans Magie, die uns an diesen Ort geschickt hat.«
»Was meinst du?«
»Ich weiß nicht«, murmelte Amina. »Vielleicht geht es um mehr als diesen Pakt. Um mehr als Rogan und dich.«
Delia hörte ein Geräusch. Rogan war dabei, den Balkon zu verlassen und alles, was sie denken konnte, war: Wir müssen seine Wolfsseele davor bewahren, die schwarze Magie in sich aufzunehmen. Bevor die Sonne aufging. Mit dem Kuss des ersten Sonnenstrahls wurde der Schwur für immer besiegelt. Es musste am Zauber der Vergangenheit liegen, denn es war ihr Herz, das aus ihr sprach. »Amina, wir müssen Rogan ret…«
Delia verstummte augenblicklich. Amina war verschwunden, einfach weg, als wäre sie mit den Schatten verschmolzen.

Teil 15 ©Rena Fischer

Dort, wo Amina eben noch gestanden hatte, lag eine schwarze Krähenfeder.
Schon stürmte Rogan eilig an der Nische, hinter der sich Delia verbarg, vorbei. Sie wusste, wohin er jetzt ging: Zu ihrem Vergangenheits-Ich, um ihr den verhängnisvollen Mondstein umzulegen und sie damit zu manipulieren, mit ihrer Elementarmagie den Dolch Aurora aus der Felswand für ihn zu reißen. Tränen stürzten ihr in die Augen. Hätte Rogan sich auf den finsteren Handel mit der Düsterhexe eingelassen, wenn sie ehrlich gewesen wäre und ihm von Aminas Magielosigkeit erzählt hätte? Er konnte nicht ahnen, warum sie sich so vehement gegen Aminas Hochzeit wehrte. Aber er hätte ihr schließlich auch von seinen und Zacarys Plänen erzählen können! Das Geräusch von Flügelschlägen ließ sie zusammenfahren. Am Balkonsims, wo gerade noch Rogan mit der Hexe gestanden hatte, kauerte eine Nebelkrähe. Sie legte ihren im Mondlicht schimmernden Kopf zur Seite und etwas an dieser Geste kam Delia so vertraut vor, dass sie sich entsetzt die Hand vor den Mund schlug. Amina!
Im nächsten Moment wurde ihr klar, was die Düsterhexe in dem Wolfsblutpakt von Rogan eingefordert hatte: Ein Stück seiner Gestaltwandlermagie, das sie nun mit ihren eigenen Kräften verbunden hatte. Oh Rogan, was hast du getan!
Die Krähe flatterte auf und setzte sich auf ihre Schulter. Delia rannte mit ihr los. Nicht Rogan, Zacary musste sie mit seiner Halbfey-Magie und der des Mondsteins in die Vergangenheit zurückgeschickt haben, um sein Vergangenheits-Ich zu warnen. Hinter einer Säule verborgen spähte Delia in den großen Saal, wo die Ankunft des Bräutigams gefeiert wurde. Zacarys Gesicht glühte vor Liebe, als er sich Amina zuwandte. Als sie lächelte, überlief Delia ein eiskalter Schauer. Das war nicht ihre Schwester. Vielleicht lag es an ihrer Zwillingsmagie, dass sie als einzige hinter dem Schleier das fratzenhafte Grinsen und die boshaften Augen sah. Das war die Hexe! Sie musste Zacary warnen und ihn dazu bekommen, Amina den Mondstein umzulegen, den jetzt ihr vergangenes Ich an einer Kette trug. Dank Rogan!
Nur so konnte Zacary den Fluch brechen und Amina aus der Gestalt der Nebelkrähe befreien Doch würde er ihr diese Geschichte glauben?

Teil 16 ©Cristina Haslinger

Die Krähe flatterte auf und landete auf dem Sims der Säule. Das war das Zeichen zum Aufbruch. Delia preschte vor und stolperte in das raschelnde Gewand eines hochgewachsenen Mannes. Moosgrüne Augen fixierten sie. Elyas blondes Haar floss wie ein Seidenschleier über seine Schultern. Er trug seine Flügel aufrecht, wie der stolze Fey, der er war.
"Elya!", platzte es aus Delia heraus.
"Bist du jetzt doch zur Vernunft gekommen?", fragte er barsch.
Delia stutzte, doch dann erinnerte sie sich: Das letzte Mal hatten sie sich zur Mittsommernachtswende gesehen. Als er sie vor Rogans Geschenk gewarnt hatte und der Wirkung, die ein schwarzer Mondstein haben könnte.
"Ich…", hob sie an, verstummte jedoch, als sie den erschrockenen Blick des Feys sah.
"Wie kann das sein?", flüsterte er und legte seine Handflächen auf ihre Schultern. Ein stechender Schmerz durchzuckte Delia, als er die Stellen berührte, an denen ihre Flügel durch die Haut gebrochen waren. Natürlich hatte er ihre veränderte Energie wahrgenommen."Dafür haben wir jetzt keine Zeit!" Delia schüttelte seine Hände ab. "Amina ist nicht sie selbst. Die Düsterhexe ist in sie eingedrungen. Ich muss Zacary überzeugen, ihr meinen Mondstein umzulegen."Elya sah überrascht auf. Sein Blick verweilte auf Aminas zarter Gestalt. "Was glaubst du, soll das bewirken?", fragte er. "Das ist ein Stein aus schwarzer Magie. Nur einer aus weißer Magie kann sie vor dunklen Zaubern bewahren." Delia schnappte nach Luft. Verzweiflung stieg in ihr auf und schnürte ihr die Kehle zu. "Dann kann man nichts…?"Elya lächelte. Er griff zwischen die Lagen seiner Roben und hob eine dünne Silberkette über seinen Kopf, daran pendelte ein strahlendweißer Stein. "Ich überlasse ihn Zacary als mein Verlobungsgeschenk. Er wird ihn Amina umlegen und die dunkle Macht damit vertreiben."Delia atmete zittrig aus. "Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll."
"Danke mir nicht", sagte er ernst. Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht. "Ich hätte mit der Gabe meines Volkes nicht so verschwenderisch umgehen dürfen."
Delia runzelte die Stirn, doch dann verstand sie. Nebelschwaden verschleierten ihr die Sicht, als sie ihre Sinne schwinden spürte. „Du hast mich verwandelt?"

Teil 17 ©Katja Ammon

«Ich musste dich schützen. Dich und uns alle»
Delia ballte die Fäuste. Die Wut schärfte ihren Verstand und der Nebelschleier lichtete sich. Er hatte sie zur Fey gemacht!
«Mich und alle?», zischte Delia.
«Mit jeder Heirat verliert Aurora ein Stück seiner Kraft. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis wieder ein vollkommener Elementar geboren wurde, der die Macht hat Aurora zu befreien und dem Magie- und Menschenhandel zwischen den Königreichen ein Ende zu bereiten. Ohne Aurora würde die Welt innert Kürze von der dunklen Magie überrollt werden. Rogan hat einen schlimmen Fehler begangen, wenn auch aus einem guten Grund - Liebe. Denn als Bediensteter deines Vaters wäre er niemals als Bräutigam infrage gekommen. Aber er hat den falschen Weg gewählt und damit der schwarzen Magie erst recht die Tore geöffnet.»
Delias Atem begann zu zittern. Endlich begriff sie den Verrat. Warum hatte Rogan nur so wenig Vertrauen in ihre Liebe gehabt?
«Delia», sagte Elya und hob sanft ihr Kinn an. «Ich weiß, dass ich viel von die verlange, aber du muss zurück. Der Mond wird bald richtig stehen. Ich werde mich um Amina kümmern, du weißt, dass ich das tue, aber du musst Rogans Seele retten. Es ist kein Zufall, dass dir ein Schattenwolf, ein Fay und ein normaler Mensch zur Seite stehen. Um die Düsterhexe und ihre dunkle Magie zu bezwingen, werdet ihr all die euch gegebenen Kräfte brauchen.» Elya hob die Hand und Delia spürte den Sog des Zeitenstrudels.
«Warte!», rief sie, «wie kann ich Rogan retten? Und wie wird Amina ihre Gestalt zurückbekommen?»
Der Wirbel gewann an Stärke, Wind fegte um Delia und die Nebelkrähe flatterte wild um ihren Kopf.
«Elya!», schrie Delia, doch der Sturm riss sie von den Beinen und mit einem lauten Knall fiel sie in der Gegenwart vor Rogans Füße. Die Krähe verzog sich auf einen Dachbalken während eine schillernde Phönixfeder auf Delia hinunter segelte. War das ein Zeichen von Elya? Eine Antwort auf ihre Frage? Musste Rogan sterben um … nein!
Vorsichtig schaute sie auf. Rogans bernsteinfarbene Wolfsaugen drangen in sie. Ein Grinsen umspielte seine Lippen. «Da bist du ja wieder», sagte er.
Sie hielt dem Blick stand. Und dann spürte sie es, so heftig, dass es schmerzte.

Teil 18 ©Jennifer Alice Jager

Sie spürte die Macht der Dunkelhexe, die sich tief in Rogans Herz gefressen hatte. Alles was je gut an ihm gewesen war, alles was sie geliebt hatte, war verdorben. Konnte es sein, dass sie ihn längst verloren hatte?
„Das war wohl dein Werk“, sagte Rogan an Zacary gerichtet. Der kniete noch immer am Boden, hielt den Mondstein fest und schaute fragend zu Delia.
Sie wusste, dass er von ihr wissen wollte, ob die Zeitreise geglückt war und nickte ihm zu. Aber hatte Elya ihm gesagt, welche Macht der Stein innehatte? Unweigerlich wanderte ihr Blick zur Krähe, doch in dem Moment wurde sie von Rogan gepackt und gegen die Wand geschleudert.
Der Schmerz, der ihr dabei durch den Rücken fuhr, betäubte ihre Sinne und alles, was sie noch wahrnehmen konnte, war Rogans herb-süßlicher Duft. Er umhüllte sie, ließ ihre Knie weich werden und als sich sein Atem warm auf ihre Haut legte, er ihr so nahekam, dass sie die Hitze seines Körpers spüren konnte, versiegte ihre Gegenwehr. „Und jetzt sag mir, wo Amina ist.“ Der klang seiner Stimme hallte in ihr wider und ein warmer Schauer durchfuhr ihren Körper.
Tränen sammelten sich in Delias Augenwinkeln. Sie presste die Lippen fest zusammen, aus Angst, sie könne Rogan anflehen wieder er selbst zu werden, wenn sie zuließ, dass ihr Worte entkamen. Sie wusste ja, dass jedes Flehen umsonst gewesen wäre. Nur der Tod konnte ihn noch von der Dunkelheit befreien.
In seinem Rücken sah sie, dass Zacary eingreifen wollte, dann aber die Krähe bemerkte und darin Amina erkannte. Erschrocken riss er die Augen auf. Würde Rogan ihn so sehen, hätte er schnell seine Schlüsse gezogen. Aber Rogan drehte sich nicht um.
„Sag schon!“, knurrte er und packte sie am Kinn. „Oder musst du erst Blut schmecken? Glaub mir, am Ende wirst du reden. Zur Mondfinsternis ist die unsere Hochzeit vollzogen und dann, meine Liebe, ist die Macht Auroras mein.“ Es war beinahe, als würde sie die Düsterhexe durch ihn sprechen hören. Wut schäumten in Delia auf, ihre Finger schraubten sich fest um die Phönixfeder und sie spürte eine plötzlich aufkommende Hitze. Gleißendes Licht erstrahlte, blendete sie, Rogan wurde von ihr geschleudert und der Schrei einer Krähe durchschnitt die Luft.

Runde 4

Keywords:

Zwillingsstern (Valentina Fast)

Lichtpfütze (Mirjam H. Huberli)

Sternensturm (Rena Fischer)

Zauberbann (Cristina Haslinger)

Nachtlilie (Katja Ammon)

Mitternacht (Jennifer Alice Jager)

Teil 19 ©Valentina Fast

Delia konzentrierte sich auf ihre eigene Magie und unterbrach die Kraft der Phoenixfeder um sie nicht gänzlich zu verbrauchen. Sie hörte Zacary schreien, Rogan brüllen und das Flattern der Nebelkrähe, zu der ihre Schwester geworden war. Der spitze Stiel der Phoenixfeder stach ihr in die Hand und sie spürte einen Tropfen Blut. Er würde reichen, er musste einfach.
Im nächsten Moment umfasste ihre Elementarmagie sie und brachte sie fort. Weg von Rogan. Einfach nur weg. Sie warf sich vor und griff nach Zacary. Im nächsten Moment landete sie auf hartem Steinboden. »Nein«, flüsterte die, als sie ihre Augen aufriss und sich umsah. 
Sie waren im Palast von Kalesian. Delias und Aminas Heimat. 
Plötzlich schoss ein scharfer Schmerz durch Delias Brust. »Nein!«
Sofort sprang Zac auf. »Was soll das? Wo ist Amina?«
Delia starrte unter Tränen zu ihm auf. Sie spürte tief in ihrem Innersten, dass ihr Zwillingsstern litt. »Amina wurde verletzt. Ich wollte sie mitnehmen, aber irgendwas ging schief. Wir-«
»Wer ist da?« Die harsche Stimme einer Wache durchschnitt die Luft. Sofort sprang Delia auf und drückte Zac in eine Ecke des Flurs. Doch es war zu spät.
Im nächsten Moment packte sie eine Hand und zerrte sie zurück. Sie wollte schreien, doch als sie das drohende Schwert an Zacs Hals sah, blieb sie stumm. 
Die Wachen brachten Delia und Zac in den Thronsaal und warfen sie ihrem Vater vor die Füße. Vor Zorn gerötet starrte er auf sie nieder. »Welch Schmach! Entlaufene Töchter und ein missratener Schwiegersohn! Ich werde meinen Vertrag mit dem König Luisans nicht brechen!«
Er warf seine Arme hoch. »Wachen! Sperrt sie in eine Zelle! Zur Mondfinsternis wird eine Hochzeit stattfinden! Es ist mir egal, welche meiner Töchter die Braut ist!«
»Vater!« Delia schrie, als ein Wächter sie packte und wandte sich unter seinem Griff. »Amina war ihm versprochen! Sicher wird der König dies nicht wollen.«
Voller Verachtung blickte er auf sie nieder. »Ihm wird es egal sein, von welcher Tochter sein Thronfolger seine Macht erhält.«
Delia wollte kämpfen, doch im nächsten Moment umschlossen eiserne Ketten ihre Hände und sperrten ihre Magie ein. »Dafür werdet Ihr büßen!“, brüllte Zacary wutentbrannt.

Teil 20 ©Mirjam H-Huberli

»Büßen?« Der kalesianische König lachte. Kein freundliches Lachen, im Gegenteil, es sprühte vor Bitterkeit und unheilvoller Macht. Es hallte an den Saalmauern wider und brachte die Laternenflammen zum Zittern, deren Helligkeit als Lichtpfützen auf den mit Gold verzierten Steinfliesen schimmerte. »Du solltest mir vor Dankbarkeit die Füße küssen und dich gnädig erweisen, dass ich den Vertrag mit deinem Vater nicht breche. Andernfalls wartet einzig der Tod auf dich.«
Zac schnaubte. Er hielt dem verachtenden Blick des Königs stand, Zorn loderte in seinen Pupillen und Delia sah, wie seine Kiefermuskeln zuckten. »Lieber sterbe ich, als so verbittert zu Enden wie Eure königliche Hoheit.«
»Dass du es wagst so mit mir zu reden! Du bist eine Schande für das lusianische Reich!« Langsam, aber bestimmt trat der König von seiner Empore hinunter, zückte seinen Dolch und hob mit der Spitze Zacs Kinn. »Wiederhole das noch einmal und ich erlö…«
»Vater, nein!«, unterbrach Delia den König, drängte sich zwischen die beiden Männer, die gegensätzlicher nicht sein konnten. Zac, mit ausdrucksstarkem Gesicht, nur allzu oft umspielte ein neckisches Lächeln seinen Mund, dazu seine Augen so blau wie das Meer – das Gesicht des Königs zeichnete Strenge und Raffinesse, sein Ausdruck strotze vor Überlegenheit und jede seiner Bewegungen versprühte Macht.
Für eine Sekunde trafen sich die Blicke von Vater und Tochter. Ein Moment, in dem tausend Emotionen Platz fanden, erst der Befehl des Königs durchbrach die Stille: »Werft die beiden in den Kerker und behaltet sie bis zur Mondfinsternis unter ständiger Aufsicht.«
»Vater, bitte!«, schrie Delia, doch die Wachen gehorchten und bugsierten sie aus dem Thronsaal. Delia und Zac wehrten sich - vergeblich.
Natürlich wusste Delia, wo sich der Kerker befand, schließlich war es ihr Zuhause und sie hoffte inständig, dass sie dieses Wissen zu ihrem Vorteil nutzen konnte. Zwar wurde ihre Elementarmagie durch die Ketten gebändigt, aber galt das auch für die Phönixfeder, die sie unter ihrem Ärmel verbarg?
Delia spürte, dass sie schnell handeln musste, denn der stechende Schmerz in der Brust ließ nicht nach und mit jedem Herzklopfen wuchs die Angst um Amina.

Teil 21 ©Rena Fischer

Rogan
Eben noch hatte er Delias Kinn zwischen den Fingern gespürt, jetzt war sie ihm erneut entglitten und hatte auch noch diese Missgeburt von Lusianischen Prinzen mitgenommen! Rogans Zorn wurde übermächtig, der Hass auf Delia, weil sie sich ihm zu widersetzen wagte, war seit Tagen zu einem monströsen Gebilde angewachsen, das alle anderen Gefühle verdrängte. Es schien in jeden Winkel seines Innersten vorzudringen. Er glaubte plötzlich, an all dieser Finsternis zu ersticken und in der nächsten Sekunde reagierte der Wolf in ihm auf dieses Ungleichgewicht. Aus seinen Fingern schossen messerscharfe Krallen hervor, schwarzglänzendes Fell bedeckte seinen muskulösen Körper, an dem die Kleidung nur noch in Fetzen hing und sein Kiefer verformte sich zu dem tödlichen Gebiss des Schattenwolfes. All seine Raubtierinstinkte erwachten mit einem Schlag. Zähnefletschend sprang er auf die Nebelkrähe zu, schnappte nach ihr und riss ihr im Sprung ein paar Federn aus, bevor sie schmerzerfüllt kreischend dorthin flog, wo zuvor Zacary gekauert hatte. Sie landete auf einer Halskette mit einem Stein. Der Schattenwolf setzte zum Sprung an, registrierte mitten im Flug, dass sein Opfer sich zu verändern begann, doch erst als seine Klauen sich in die Schultern eines Mädchens bohrten und er es mit sich zu Boden riss, erkannte er Amina, die den Blick voller Panik auf ihn richtete und schmerzerfüllt schrie. Sie riss die Arme unter seiner Wolfsbrust nach oben, er sah noch das Funkeln der Kette, spürte, wie ihm etwas über die Schnauze und die spitzen Ohren gestülpt wurde. Dann explodierte die Finsternis in ihm in einem Ansturm von Millionen winziger Lichter, jedes einzelne stürzte mit einem Kometenschweif auf ihn herab, ließ etwas in ihm zu Asche verglühen und der Schmerz, den dieser Sternensturm in ihm auslöste, war so unerträglich, dass Rogan die Sicht verschwamm, er sich jaulend von Amina wegrollte und mit den Pfoten versuchte, die Kette loszuwerden. Aber sie schien mit ihm verwachsen zu sein, der weißlodernde Stein brannte sich in sein finsteres Herz, seine Glieder zuckten und die Zähne schabten Kerben in den Steinboden, bevor die Qualen ihn übermannten und er das Bewusstsein verlor.

Teil 22 ©Cristina Haslinger

Delia schloss ihre Finger um den Federkiel. Schon spürte sie die feurige Energie pulsierend in ihren Arm ausstrahlen. Sie wirbelte herum, bereit den letzten Rest des Phönixzaubers aufzubrauchen. Doch die Wache hatte ihr den Rücken zugekehrt. Mit schreckgeweiteten Augen starrten die Männer in die Finsternis, die an den Seiten des Ganges langsam auf sie zukroch. Im nächsten Moment umfing sie schwarzer Nebel. Delia sprang zur Seite. Sie riss Zacary mit sich, stieß mit dem Kopf gegen die nackte Steinmauer. Dunkelheit zerrte an ihrem Bewusstsein. Vor ihren Augen erschien Elyas altersloses Gesicht. Ein düsterer Glanz umgab ihn, zeichnete drohende Schatten unter Mund und Nase. Entschlossenheit loderte in seinem Blick und etwas, das Delia nicht zu greifen vermochte.
"Wir haben nur wenig Zeit", hörte sie die melodische Stimme des Fey. Delia überkam eine Woge der Erleichterung. Benommen sah sie sich nach Zacary um, der neben ihr am Boden kauerte. "Elya!", formten seine Lippen, doch kein Ton war zu hören. Ein ehrfürchtiger Glanz lag auf seinem Gesicht.
"Schnell!" Elya zog Delia auf die Füße. Er umfasste ihre Schultern und sah sie eindringlich an. "Wo hast du Aurora? Ist sie hier?"
Delia blinzelte. "Ich … nein."
"Wo hast du sie?" Elyas knochige Finger krallten sich in ihre Haut. Sie durchstießen die feine Membran ihrer Flügel. Delia schnappte nach Luft, der Schmerz drohte sie zu zerreißen.
"Rogan", stieß sie hervor. "Rogan hat sie."
Auf Elyas Gesicht zeichnete sich Erstaunen ab. "Rogan?", wiederholte er und ließ von ihr ab. Ein amüsiertes Lächeln kräuselte sich um die feine Linie seines Mundes. Delia rang nach Atem. Ein bedrückendes Gefühl überkam sie, als wären die Schatten direkt in ihr Herz gekrochen. Elya schloss die Augen. Sie spürte seine Energie ausströmen, sie und alles andere durchfluten. Neben ihr vernahm sie, wie Zacary überrascht die Luft einsog. Auch sie hatte es gespürt, die vollständige Schwärze seiner Macht.
"Noch ist der Zauberbann stark genug", sagte Elya mit fremder Stimme. Ein Energiestoß trieb Delia die Luft aus den Lungen. Elya hob die Hand und zerriss den Raum, er hatte ein Portal in das Eisschloss von Nurok geschaffen.

Teil 23 ©Katja Ammon

«Du missratene Kreatur», keifte er und trat gegen den leblosen Wolfsleib. Delias Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Rogan!
«Wo ist sie! Wo ist Aurora?», rief Elya mit dieser krächzenden Stimme, die Delia einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Er beugte sich über den Wolf und zerrte fluchend an dessen Fell.
Delia nutzte Elyas Unaufmerksamkeit um, dicht gefolgt von Zac, ebenfalls hinüber in den kleinen Raum des Eispalastes zu treten. In einer Ecke kauerte Amina in Menschengestalt und hielt sich die Schulter. Delia stürzte zu ihr. Blut quoll zwischen den Fingern ihrer Schwester hervor.
«Amina!» Delias Blick huschte über sie. «Wo ist dein Mondstein?»
«Rogan hat ihn», presste sie hervor. «Ich habe ihn berührt und bekam meine Gestalt zurück. Rogan hat mich angegriffen. Ihm die Kette umzuhängen, war das Einzige, was ich tun konnte. Habe ich ihn damit getötet?»
«Alles wird gut.» Den Tränen nahe wandte sich Delia Zac zu. «Ihr müsst von hier verschwinden.»
„Nein!“, sagte Amina. „Nicht ohne dich!“
„Bitte, deine Wunde muss versorgt werden!“
Zac zog seine Liebste auf die Füße. „Hör auf deine Schwester“, flüsterte er ihr zu und schob sie Richtung Tür.
„Wohin des Weges?“, säuselte Elya, den Kopf leicht schräg gestellt und ließ damit alle in der Bewegung erstarren.
Amina wandte sich um. „Du willst ein Fey sein!“, rief sie. „Mich täuschst du nicht!“ Mit einem Satz hechtete sie auf Elya zu. Ihre blutverschmierten Finger bohrten sich in dessen Augen. Elya kreischte auf, wand sich unmenschlich zu allen Seiten. Dunkle Nebel umhüllte ihn und er fiel in sich zusammen. An seiner Stelle kauerte nun die Düsterhexe. Aber sie kam nicht dazu sich aufzurichten und ihren dunklen Zauber auf Amina zu werfen, denn auch der Wolf war wiedererwacht und baute sich nun zwischen ihnen auf. Delia erhaschte einen Blick in seine bernsteinfarbenen Augen. Sie waren voller Zorn, aber es waren Rogans Augen. Hatte Aminas Blut, das Blut einer Unmagischen, den Bann über Nurok gebrochen?
«Na kleine Nachtlilie?», hörte Delia Rogans Stimme im Kopf. «Bringen wir es zu Ende!»
Der Wolf sprang auf die Hexe zu, doch im selben Moment erhob diese sich in einer Wolke aus Dunkelheit, den Dolch, Aurora, in der Hand.

Teil 24 ©Jennifer Alice Jager

Rogan durchpflügte die mitternachtsblauen Nebelschwaden, landete auf dem Boden, grub seine fingerlangen Krallen ins Eis und hinterließ tiefe Spuren, als er herumwirbelte, um nach der Hexe zu suchen.
Auch Delias Blick huschte durch den Raum und blieb an den panisch geweiteten Augen ihrer Schwester hängen. Die Düsterhexe stand hinter ihr, bohrte ihr die knochigen Finger in die Wunde und drückte ihr Aurora fest an die Kehle. „Dein Blut mag Flüche brechen, Sterbliche“, zischte sie. „Aber der Macht Auroras widersteht keiner. Habe ich dir erst einmal das Leben genommen, werden deine Kräfte auf den Dolch übergehen und mir gehören.“
„Nicht!“, schrie Delia.
Neben ihr waren Rogans schwere Schritte zu hören. Untermalt wurden sie von dem dunklen Grollen, das seiner Kehle entfuhr. „Wenn du das tust, werde ich dich in Stücke zerfetzen!“
„Versuch es!“ Die Hexe hob den Dolch ruckartig an, Aminas Atem stockte und ein einzelner Tropfen Blut rann ihr über den Hals.
Verzweifelt suchte Delia nach einem Ausweg, sie wagte einen Schritt vor, als sich plötzlich Feenflügel im Rücken der Hexe ausbreitete. Für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte sie, es bei ihr mit einer Fey zutun zu haben, bis ihr klar wurde, dass es Zacary war, der sich hinter die Frau geschlichen hatte und nun blitzschnell nach Aurora griff. Er zerrte den Arm der Hexe in die Höhe und stieß Amina zur Seite. Seine Hand schraubte sich fest um die Klinge, Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor und mit ihm der purpurne Schimmer von Zacarys Kräften, die Aurora in sich aufsog.
„Das war ein Fehler!“, verkündete die Düsterhexe und entriss ihm den Dolch. Zacary stöhnte schmerzerfüllte auf und starrte noch auf den Schnitt an seiner Handinnenfläche, als die Hexe auch schon die Klinge zwischen seine Rippen stieß.
„Zac!“, schrie Amina tränenerstickt.
Ein Schatten huschte an Delia vorbei. Es war Rogan, der sich auf die Hexe stürzte und seine gefletschten Zähne in ihrem Fleisch vergrub. Zacary fiel auf ein Knie, presste die Hände auf seine Wunde, konnte damit aber weder den Fluss des Blutes noch den seiner Lebenskräfte stoppen. Nebelartig gingen sie auf den Dolch über, der noch immer im Besitz der Dunkelhexe war.

Runde 5

Keywords:

Feuerblüte (Valentina Fast)

Einhorn (Mirjam H. Huberli)

Blutmagie (Rena Fischer)

Dämonenkuss (Cristina Haslinger)

Eisenkraut (Katja Ammon)

Wolkenkunst (Jennifer Alice Jager)

Teil 25 ©Valentina Fast

Die Düsterhexe schrie gequält, während ihr Blut den Boden benetzte. Delia rannte los, warf sich neben den Schattenwolf und packte den Arm der Hexe. Deren dürren Finger umklammerten den glühenden Dolch, während sie gegen Rogans Schattenwolfsgestalt ankämpfte. Mit einem festen Tritt brach Delia der Hexe die Hand. Das Knacken ihrer berstenden Knochen übertönte kurz alles andere.»Das ist für Zac!«
Die Hexe kreischte und für einen winzigen Moment erschlaffte ihr Griff. Doch bevor Delia Aurora ergreifen konnte, trat der Schattenwolf dagegen und schleuderte sie durch das sich langsam schließende Portal.
»Nein!« Delia schrie und warf einen Blick zu Amina, die sich an Zacs leblosen Leib klammerte. Sie mussten hier weg! In Nurok gab es nur den Tod für sie alle. 
Mit Tränen in den Augen sah sie zu dem kämpfenden Schattenwolf, bevor sie zu ihrer Schwester eilte und Zacs Beine packte. »Nimm seine Arme!«
»Er ist tot!«, schluchzte Amina.
»Vertrau mir!« Sie zerrte an Zacs Leichnam und Verzweiflung überkam sie, denn das Portal würde sich jede Sekunde schließen. 
Amina nickte fahrig, kaum fähig in ihrer Trauer klar zu denken. Sie nahm die Arme ihres Liebsten und gemeinsam schleiften sie ihn zu dem funkelnden Punkt aus Magie. 
Delia hörte noch Rogans qualvolles Aufheulen, als sie die andere Seite erreichten. »Wie schön, beide Töchter vereint.« Die Stimme ihres Vaters ließ Delia herumfahren. Sie starrte schockiert Aurora in seinen Händen an, bevor sie ein wütendes Brüllen ausstieß und auf ihn zusprang. Fest packte sie seinen Hals und würgte ihn mit all ihrer Kraft. Die Wachen griffen sie an, wollten sie fortzerren, doch sie hatte nur Augen für ihre Schwester, während ihr Vater gurgelnde Geräusche ausstieß. »Lauf! Hol eine Feuerblüte aus dem Heilkrautgarten! Die Blüte wird Zacs Körper für seine Seele bereit halten! Sie ist unsere einzige Chance ihn zu retten!«
Aminas Starre löste sich und sie rannte los, als würde ihr eigenes Leben davon abhängen. Im nächsten Moment spürte Delia, wie ein Schwert sich in ihren Rücken bohrte. Schmerz flutete ihre Sinne, ließ ihre Muskeln krampfen und sie fiel hart zu Boden. Direkt vor die Füße ihres nach Luft ringenden Vaters.

Teil 26 ©Mirjam H. Huberli

Amina rannte durch den Torbogen, der sie in den Innenhof führte, weiter zu dem Geheimgang, den keiner außer Delia und ihr kannte. In diesem Moment ermöglichte er ihr, ohne Verfolgungsjagd der Wachen zum Garten zu gelangen und die Blume zu pflücken, die sie dringend brauchte. Kaum dass sie den Innenhof betrat, ließ ein stechender Schmerz sie innehalten, der ihr wie ein Messerstich durchs Rückenmark schoss.
»Delia«, keuchte sie, wusste zugleich, es gab nur einen Weg, wie sie überlebten. Sie musste tun, was Delia ihr aufgetragen hatte. Nur mit Mühe schaffte sie es, den Schmerz zu ignorieren, aber sie musste Zac retten. Musste, musste, MUSSTE!
Atemlos ertastete sie die schmale Spalte im Gemäuer, in dessen Oberfläche sie als Mädchen einst ein Einhorn als Erkennungsmerkmal des Geheimdurchgangs ritzten – der kürzeste Weg zum Heilkrautgarten. Behände drückte sie das Gestrüpp beiseite, quetschte sich in die Spalte und kroch auf allen Vieren hindurch. Sie roch die modrige Erde unter sich, ein Gestank, der sie immer angewidert erschaudern ließ. Jetzt war nicht die Zeit, zimperlich zu sein. Entschlossen erreichte sie die andere Seite der Mauer und vor ihr tat sich eine märchenhafte Idylle auf – einst das Herzblut ihrer Mutter. Keiner lehrte sie mehr über die heilende Pflanzenkräfte. Für einen flüchtigen Moment war es ihr, als könnte sie ihrer längst verblichenen Stimme lauschen - nun war die Idylle lediglich eine trügerische heile Welt.
Mit raschem Gang folgte Amina dem Pfad, der sich durch die hübsch angelegten Beete schlängelte, griff nach der Feuerblüte und eilte zurück; aber halt, was war das? Schritte?
Erschrocken wirbelte sie herum. Die Wachen patrouillierten überall, gut möglich, dass ihr einer gefolgt war. Wie sehr sie es verfluchte, ohne Fähigkeiten geboren worden zu sein …
»Psst!«, ertönte es hinter ihr. Hektisch sah sich Amina um. Da war absolut nichts, außer dem Wind, der säuselte: »Amina, hörst du mich?«
»Wer ist da?«
»Keine Zeit Fragen zu stellen, vertraue deiner Intuition.«
Kam die Stimme aus ihrem Innern? Amina verstand nicht, aber instinktiv griff ihre Hand nach einer weiteren Blume direkt vor ihr.
»Vertraue«, wisperte die Stimme. „Vertraue in dich!“

Teil 27 ©Rena Fischer

Amina war sicher, die Stimme ihrer Mutter vernommen zu haben.
Während ihre ungestüme Schwester Delia sich früher mit dem jungen Rogan im Kämpfen geübt hatte, war sie als Kind durch den geheimen Garten gestreift und hatte von ihrer Mutter das Wissen um die Pflanzenmagie aufgesogen. Das war ihre besondere Stärke, auf die sie sich jetzt besinnen musste!
Die Feuerblüte würde Zacarys Seele den Weg zurück in seinen Körper weisen, wenn sie sich beeilte. Doch wie sollte sie an ihrem Vater, der Aurora in seiner Gewalt hatte, und an den Wachen vorbei zu ihm gelangen? Der brennende Schmerz in ihrem Rücken verriet ihr zudem, dass Delia schwer verletzt worden war. Die Zeit lief ihr davon, sie brauchte Hilfe!
Ihr Blick fiel auf die zweite Blume, die sie intuitiv gepflückt hatte und sie erschauerte. Die Zwillingslilie mit ihrer Doppelblüte! Aus einem Stängel wuchsen eine weiße und eine schwarz-lilafarbene Blüte. „Das Blutmagie-Ritual mit der Zwillingslilie ist gefährlich, Amina“, wisperte die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf. „Führen du oder Delia es durch, könnt ihr zwar der jeweils anderen eure Kraft verleihen. Aber im selben Maße vergiftet sie euren eigenen Körper.“
„Und wenn man rechtzeitig das Ritual stoppt?“, hatte Amina gefragt. „Das Ritual wirkt wie eine Droge auf dein Bewusstsein, lässt dich alles um dich herum vergessen. Am Ende wird nur der durch die Magie gestärkte Zwilling den anderen retten können. Und es gibt noch eine weitere Nebenwirkung: Blutmagie zieht dämonische Kräfte an und öffnet für sie Portale. Du weißt nie, wen du auf dich aufmerksam machst.“
Doch in diesem Fall wusste Amina das ganz genau. Rogans dämonische Schattenwolfseele würde sie wittern und hoffentlich ihrer Schwester zur Hilfe eilen, bevor es für sie und Zacary zu spät war. Sie sah sich um, entdeckte eine brüchige Stelle im Gemäuer des Geheimgangs und brach einen spitzen Stein heraus. Tief einatmend ritzte Amina ihren Unterarm auf, bis ein dünnes Blutrinnsal über ihre Haut lief. "Rettet Zacary!", dachte sie, bevor sie die Blüten der Zwillingslilie zerquetschte und den toxischen Pflanzensaft mit ihrem Blut vermischte. Dann verschwamm der Garten um sie in einem pulsierenden Farbenmeer.

Teil 28 ©Cristina Haslinger

Eine bleierne Schwere nahm von Delia Besitz. Kälte umfing sie, legte sich wie ein mitternachtsblauer Umhang über ihren Körper. Ihre Ahnin rief nach ihrer Seele. Sie konnte das Gesicht ihrer Mutter sehen, ihre weichen Züge, die gütig auf sie herabblickten. Sie erkannte Amina darin. Delia öffnete den Mund und stieß den letzten Atem aus, den ihre Lippen so sorgsam unter Verschluss gehalten hatten. Doch plötzlich durchzuckte sie ein jäher Schmerz. Schwarze Flammen loderten durch ihre Adern und ein Strom neuer Energie stürzte auf sie ein. Gierig sog sie die modrige Kerkerluft ein und schlug die Augen auf.
"Du bist eine Schande für Aurora!", hustete der König. Schwer atmend kam er auf die Füße.
Tränen der Wut brannten in Delias Augen. "Und du bist eine Schande für einen König!", sagte sie bitter. Ihr Blick fiel auf Zacs schlaffen Körper, die Sorge um Amina raubte ihr den Verstand.

 

Rogan richtete sich auf. Das Blut der Hexe klebte wie Teer an seinen Krallen. Noch immer zitterte er vom Adrenalin, das sich im Mordrausch in seine Venen ergossen hatte. Als die tierischen Instinkte schwanden, vernahm er den Ruf. Etwas zwang die Finsternis seiner Schattenseele hervorzubrechen. Ein Portal öffnete sich. Er brauchte nur der Witterung zu folgen, dem bittersüßen Locken der Zwillingslilie, vermischt mit dem Duft seiner Liebsten.
"Delia!", stieß er aus und hechtete in die Dunkelheit des Portals. Auf dem Boden des Kräutergartens fand er Amina. Die Erde glänzte dunkelrot von ihrem Blut. Sie war totenbleich, es war kaum noch leben in ihr. Rogan stürzte auf die Knie und hob sie hoch. An ihrem Rücken klaffte eine große Wunde. Instinktiv legte er die Lippen daran. Sein Dämonenkuss würde die Blutung stoppen.
"Wo ist Delia?", fragte er, als Amina benommen die Augen aufschlug.
"Im Kerker", stöhnte sie.
Rogan presste sie fest an sich und preschte los. In einem Satz hatte er die Mauer überwunden. Auf seinem Weg über den Hof pflügte er durch die Wachen, die sich ihm in den Weg stellten. Er spürte die Schatten an ihm zerren, aber er musste bei klarem Verstand bleiben. Als er das Verließ erreichte, wirbelte der König zu ihm herum. Aurora glänzte in seiner Hand, Delia lag zu seinen Füßen.

Teil 29 ©Katja Ammon

Bevor Delia begriff, was vor sich ging, sprang der Schattenwolf auf den König los und schleuderte ihn von den Füßen. Mit einem dumpfen Knall schlug sein Körper auf den Steinboden auf. Das klingende Geräusch von Metall, das über den Felsen schlitterte, riss Delia aus ihrer Starre. Ihr Vater hatte Aurora fallen gelassen! Auf allen Vieren kroch sie über die kalten unebenen Platten und tastete die Umgebung nach dem Dolch ab.
Die Wachen stürzten sich auf Rogan. Das drohende Knurren des Wolfes schwoll an. Dann vernahm Delia nur noch das Klacken des wuchtigen Kiefers, das sich mit den Schreien der Männer mischte.
Gerade als ihre Finger den abgewetzten Schaft ertasteten, bemerkte sie, dass eine Wache auf sie aufmerksam geworden war. Sie riss das Messer hoch, bereit es dem Angreifer ins Herz zu stoßen. Doch unvermittelt sackte der Mann zusammen. Hinter ihm stand Elya. Blut tropfte von der Klinge seines Schwertes.
„Wie bist du …?“
„Delia“, sagte der Fey, kniete sich hinunter und hob Zacs Kopf in seinen Schoß. Hohl eine Feuerblüte und Eisenkraut. Schnell!“
Delia rappelte sich hoch und rannte los. Doch kaum draußen in den Gängen des Verlieses, hallten ihr schnelle Schritte entgegen. Sie umklammerte den Dolch und drückte sich gegen die raue Felswand.
„Delia!“, hörte sie die tränenerstickte Stimme ihrer Schwester. „Bist du hier?“
„Amina!“ Delia kam aus ihrem Versteck und umarmte ihren Zwillingsstern. „Hast du die Feuerblüte?“
Sie nickte.
„Elya ist bei Zac. Bring sie ihm.“
Als Delia wenig später mit dem Eisenkraut zurückkehrte, war es totenstill im Kerker. Rogan hatte seine Menschengestalt angenommen und war in Elyas Mantel gehüllt. Ihre Blicke kreuzten sich und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als Rogans Arme um sich zu spüren. Er lächelte. Flüchtig berührten sich ihre Finger, bevor Delia sich neben Elya hinunter kniete. Amina hielt Zacs Hand, während der Fey mit der Feuerblüte über dessen Körper strich. Er murmelte etwas in der Alten Sprache seines Volkes. Zacs Körper zuckte immer wieder zusammen.
„Das Eisenkraut“, flüsterte Elya und streckte die Hand danach aus. Er zupfte zwei Blätter ab und legte sie in Zacs Mund. „Nun gib mir Aurora.“ Delia zögerte. „Oder willst du...

Teil 30 ©Jennifer Alice Jager

„…den Zauber vollenden?“
„Ich?“, fragte Delia.
Elya nickte. „Als künftige Königin von Kalesian liegt die Ehre und Bürde Auroras bei dir.“
Delias Blick glitt durch den Kerker und über den blutgetränkten Boden, auf dem sie kniete. Es war das Blut ihres Vaters und seiner Wachen. Beim Anblick der Leiche des Königs verkrampfte ihr Inneres. Sie hatte nie Liebe für diesen Mann empfinden können und nach dem Tod ihrer Mutter, war auch ihr Respekt für ihn erloschen. Ihn nun aber so zu sehen – bloß noch ein blutiger Klumpen leblosen Fleisches – ließ sie erschaudern.
Nur zögerlich nahm sie den Dolch, brachte es aber nicht fertig, ihre Kräfte durch ihn fließen zu lassen. Erst als sich Aminas Finger auf ihre legten spürte sie, wie ihre Unsicherheit von einer Woge aus Mut und Zuversicht weggespült wurde.
Sie schaute zu Rogan, der bereits nähergekommen war, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Wissend lächelte er und ergriff ebenfalls den Dolch. In dem Moment war es, als würde zusammengefügt, was schon immer verbunden hätte sein sollen. Rogans Kräfte der Dunkelheit, vereint mit Aminas Licht des Sterblichen und Dalias Magie der Elemente. Das alles verschmolz mit Auroras Macht, floss durch sie alle hindurch und ließ die Klinge in einem leuchtenden Farbenmeer erstrahlen.
Zacs Körper bäumte sich auf, Luft füllte seine Lunge und zugleich verließ seine Lebensenergie den Dolch, strömte in die Wunde und verschloss sie dabei.
„So schließt sich der Kreis“, sagte Elya.

Es war einer der ersten sonnigen Tage, seit Anbruch des neuen Jahres. Von den Lusianischen Wäldern her zogen magisch flimmernde Winde über das Königreich Kalesian und malten ihre Wolkenkunst in den strahlendblauen Himmel, die Vögel sangen fröhliche Lieder und auf den Straßen erzählte man sich Geschichten über den Fall des Königs und die unsterbliche Liebe zwischen einer Elementgesegneten und einem Gestaltwandler.
An jenem Tag erklomm Delia mit Ehrfurcht die Stufen des Thronpodests und wandte sich dem versammelten Adel zu. Links von ihr standen Amina und Zac, rechts Rogan und in ihrem Rücken Elya, der die Krone über ihr Haupt hob, bereit sie zur Königin krönen und damit ein neues Zeitalter einzuleiten.